Die Biogasbranche als wichtiger Energielieferant und Arbeitgeber
Biogas - Freising 30.01.2012 - Interview mit dem Stellvertretenden Geschäftsführer Manuel Maciejczyk vom Fachverband Biogas e.V. über Risiko und Chancen der Biogasbranche in Deutschland. Die Biogasbranche wird bei der Umsetzung der 2011 beschlossenen Energiewende als Energielieferant und –puffer an Bedeutung gewinnen, um in Zukunft eine konstante Stromversorgung zu garantieren. Durch eine positve Nachfrage nach deutscher Biogastechnologie wird die Exportquote, bei rückläufiger Inlandsnachfrage, steigen. Durch diese positive Marktentwicklung wird die Mitarbeiterzahl in der Biogasbranche, von ca. 46.000 Mitarbeitern, auch in den nächsten Jahren weiter auf hohem Niveau konstant bleiben. Das EEG 2012 wird der Biogasszene neue Chancen aufzeigen – ein insgesamt positiver Ausblick, wenn es um die Umsetzung der 2011 politisch beschlossenen Energiewende geht.
Quelle: LMV-Consulting, Manfred Lorenzen
Redaktion „NEW-ENERGY-Jobs“:
Der Fachverband Biogas – welche Ziele und Aufgaben verfolgt der Bundesfachverband?
Manuel Maciejczyk – Geschäftsführung:
Der Fachverband Biogas hat derzeit 4.600 Mitglieder, die sich aus verschiedenen Branchen zusammensetzen. Die Betreiber von Biogasanlagen, knapp 3000 Mitglieder, bilden die größte Mitgliedergruppe. Weitere Mitglieder sind Planer, Berater, Gesamtanlagenherstellerfirmen, Komponentenhersteller, Banken, Juristen und weitere in der Branche aktiven Berufsgruppen. Die wichtigsten Aufgaben des Verbandes sind die Bündelung der Interessen der Mitglieder sowie die positive Gestaltung der technischen und rechtlichen Rahmenbedingungen. Momentan ist eines der Hauptdiskussionsthemen das EEG, sowohl das alte EEG 2009 sowie auch das neue EEG 2012, wo es doch noch sehr viele Auslegungsfragen noch zu klären gilt. Hinzukommen weitere aktuelle Thema in Bezug auf wasserrechtliche Anforderungen an Biogasanlagen bzw. die Umsetzung von europäischen Vorgaben hinsichtlich der Genehmigung von Biogasanlagen (Kreislaufwirtschaftsgesetz; IED-Richtlinie; Bioabfallverordnung usw.) Was uns insgesamt auffällt ist, dass das Thema Biogas mittlerweile wesentlich komplexer geworden ist, was die rechtlichen und technischen Vorgaben und Rahmenbedingungen betrifft.
Redaktion „NEW-ENERGY-Jobs“:
Ein kurzer Rückblick auf 2011 – welche Themen waren für die Branche, auch unter dem Aspekt politischer Entscheidungen, wie z.B. die Energiewende der Bundesregierung vom 8. Juli 2011 mit dem Ziel der Steigerung der Energieeffizienz, besonders wichtig?
Manuel Maciejczyk – Geschäftsführung:
Besonders zu nennen ist in 2011 die Novelle zum EEG, wobei die ersten Vorzeichen am Jahresanfang äußerst negativ waren. Die dramatische Reaktorkatastrophe in Japan hat dann wieder für einen verhaltenen Rückwind für Biogasim Rahmen der Novellierung gesorgt. Die Novelle ist somit unterm Strich doch eher so ausgefallen, als wir ursprünglich erhofft hatten. Im Zuge der beschleunigten Novelle bzw. auch Einführung des EEG 2012 konnten leider einige vom Fachverband Biogas angemerkte handwerkliche Probleme nicht mehr behoben werden. Diese politische Diskussion; aber auch die Umsetzung und die Auslegung des aktuellen Gesetzes sowie die Näherbringung des Gesetzes an unsere Mitglieder, beschäftigt uns momentan sehr stark. Die Katastrophe von Fukushima und die Novelle des EEG waren somit die einschneidenden Schwerpunktthemen im vergangenen Jahr.
Redaktion „NEW-ENERGY-Jobs“:
Das neue EEG – auf welche wichtigen Veränderungen muss sich die Biogasbranche in Deutschland einstellen?
Manuel Maciejczyk – Geschäftsführung:
Zum ersten Mal beobachten wir eine gewisse abwartende Haltung der Bauwilligen von Biogasanlagen in der gesamten Branche. Man muss das Gesetz lesen, man muss es deuten, man muss natürlich auch die Chancen sehen, die im EEG enthalten sind. Nach unserer Einschätzung wird es einen gewissen verhaltenen Zuwachs und auch Zubau, im Vergleich zu den letzten Jahren, geben; aber wir werden trotzdem weiter positiv in die Zukunft blicken.
Die im November 2011 abgestimmte Prognose des Fachverband, wurde bisher nicht revidiert, sodass wir davon ausgehen, dass im Jahr 2012 anstatt der 1000 Anlagen wie in den Vorjahren, nur ein Zubau von ca. 370 Anlagen kommen wird. Wir bekommen mittlerweile von einigen Firmen auch die Rückmeldung, dass das Interesse wieder stärker steigt als ursprünglich gedacht. Ich denke mal, dass die 370 in Planung befindlichen Anlagen für 2012 realistisch sind und auch ans Netz gehen werden.
Wir machen auch eine weitere Beobachtung, dass speziell größere Gasaufbereitungsanlagen mit der Einspeisung in das Erdgasnetz, durch das neue EEG, vergütungstechnische Vorteile haben. Aufgrund der zumindest, was die Vergütung betrifft, besseren Rahmenbedingungen im EEG 2012 haben viele die Inbetriebnahme der Anlage in das Jahr 2012 verschoben. Eine sehr interessante Option im EEG 2012 wird auch die 75 kW-Anlage sein, die als kleine Gülleanlage in den landwirtschaftlichen Betrieb eingegliedert werden kann. Ich denke, dass da ein großer Teil von neuen Anlagen kommen kann.
Redaktion „NEW-ENERGY-Jobs“:
Sind die neuen 75 kW-Anlagen wirtschaftlich überhaupt interessant zu betreiben, sind sie für den Landwirt rechenbar?
Manuel Maciejczyk – Geschäftsführung:
Der kleine Anlagensektor mit bis zu 75 kW als maximale Leistungshöchstgrenze hat natürlich den Vorteil, dass in der Landwirtschaft noch relativ viele ungenutzte Güllepotentiale vorhanden sind. Zudem handelt es sich bei den für die Güllekleinanlagen zulässigen Substraten um Stoffe, die wesentlich geringere Probleme mit der Akzeptanz und der Flächenproblematik haben. Der Betreiber muss mindestens 80 % Gülle in seiner Anlage einsetzen. Daher sehen wir in diesem Segment noch zusätzliche Potenziale und die Anfragen bei den Firmen nehmen zu, insbesondere weil sich auch die Wirtschaftlichkeit darstellen lässt. Um die Grenze von 80 % Gülleanteil bei einer Leistung von 75 kWel.- wie im EEG 2012 gefordert - zu erfüllen, sind beispielsweise rund 130 Milchkühe inkl. Nachzucht und ca. 21 Hektar Energiepflanzen nötig. In diesem Marktsegment müssen natürlich noch alle Akteure Erfahrungen sammeln. Entscheidend für den Erfolg dieser Anlagenkonzepte werden die Investitionskosten (€/kW) sowie die Substratbereitstellungkosten sein.
Redaktion „NEW-ENERGY-Jobs“:
Müssen die Betreiber von Biogasanlagen sich in Zukunft mehr Gedanken darüber machen, wie sie das Biogas effektiver nutzen und vermarkten können, d.h. z.B. auch Aufbau von Speicherkapazitäten, bessere Abgas- und Abwärmenutzung?
Manuel Maciejczyk – Geschäftsführung:
Das novellierte EEG erzeugt auch Anreize für weitere wichtige Effektivitäts- und Effizienzsteigerungsmaßnahmen. Neben einer weiteren Effizienzsteigerung im Bereich des Repowerings (Wirkungsgraderhöhung durch modernere BHKW-Systeme), werden auch die technischen Vorgaben zur gasdichten Ausführung des Gesamtsystems inkl. der ab dem Jahr 2014 von allen Anlagen einzusetzenden Gasfackel die potentiellen Methanemissionen weiter senken. Mit der neu aufgenommen Direktvermarktung im EEG 2012 können sowohl Neuanlagen als auch Altanlagen die besondere Flexibilität und Speicherfähigkeit von Biogas nutzen und ein Zusatzeinkommen generieren. Biogas kann somit seine wichtige Rolle als Regelenergie im künftigen Energiemix weiter festigen. Zur weiteren Unterstützung der effizienten Wärmenutzung hat die KfW und das Bundesumweltministerium (BMU) für weitere fünf Jahre die gemeinsame Förderung von Investitionen zur Wärmeversorgung durch Erneuerbare Energien im Marktanreizprogramm vereinbart. Gefördert werden große Solarkollektoren, Wärmespeicher, Wärmenetze, Biogasaufbereitungsanlagen, Biomassenanlagen und Tiefengeothermie über das KfW-Programm „Erneuerbare Energien - Premium“ (Presseinformation BMU Nr. 012/12, Berlin, 10.02.2012).
Insgesamt kommen bezüglich der Anlagenoptimierung weitere Herausforderungen auf die Betreiber und Hersteller zu.
Redaktion „NEW-ENERGY-Jobs“:
Das neue EEG-Gesetz hat natürlich auch Einfluss auf die zukünftigen Beschäftigungsstrukturen in der gesamten Biogasbranche – wie wird sich die Anzahl der direkt und indirekt Beschäftigten im Bereich Betreiber, der nachgelagerten Bereiche, Dienstleistungen sowie Herstellerseite bis 2015 entwickeln?
Manuel Maciejczyk – Geschäftsführung:
Wir gehen davon aus, dass bei den Herstellerfirmen noch bis Mitte diesen Jahres 2012 die Auftragsbücher voll sind, d.h. das Abarbeiten von bestehenden Projekten. Von einigen Firmen haben wir auch schon die Aussagen, dass für dieses Jahr die Auftragslage mindestens mit den Vorjahren vergleichbar ist. Ich denke, dass bis Ende dieses Jahres die Branche insgesamt positiv nach vorne blicken kann.
Grundsätzlich gehen wir davon aus, dass die Zubauzahlen in den folgenden Jahren bis 2015 nicht mehr bei 1000 Anlagen pro Jahr liegen werden, sondern eher darunter. Die Marktentwicklung wird sehr häufig durch politische Entscheidungen, national sowie auch international, beeinflusst. Viele Unternehmen werden sich mit Sicherheit stärker auf den Export fokussieren, denn in vielen Märkten besteht noch erhebliches Potential für Biogas. Eine etwas klarere Prognose bezüglich der Marktentwicklung des Jahres 2012 lässt sich gewiss erst im Frühjahr/Frühsommer erstellen.
Redaktion „NEW-ENERGY-Jobs“:
Wenn wir davon ausgehen, dass in 2011 zirka 46.000 Beschäftigte in der Biogasbranche gearbeitet haben, wie Ihre Statistiken, die Sie anlässlich der Agritechnica 2011 veröffentlicht haben, es aussagen. Wie wird sich diese Beschäftigtenzahl in Ihrer Branche bis 2015 entwickeln – wird die sich die Beschäftigungszahl bei 40.000 einpendeln?
Manuel Maciejczyk – Geschäftsführung:
Einen Rückgang auf bis zu 40.000 Beschäftigte in unserer Branche möchte ich Moment nicht bestätigen. Es wird schwierig einzuschätzen sein, in wie weit sich der Gesamtmarkt durch neue Exportgeschäfte stabilisieren wird. Viele Unternehmen werden sich auf Exportmärkte einstellen.
Bei den Beschäftigungszahlen der Branche werden sich Anteile durch den Betrieb bestehender Biogasanlagen weiter erhöhen. Ob und wie sich die Zahl der Beschäftigten beim Anlagenbau verändert, können wir wie bereits dargestellt erst Mitte des Jahres abschätzen. Die Biogasbranche wird auf jeden Fall auch weiterhin ein wichtiger Arbeitgeber sein und durch die Markveränderungen ergeben sich sicherlich neue Berufsfelder und Chancen - auch für Berufseinsteiger.
Redaktion „NEW-ENERGY-Jobs“:
Wie teilt sich die Beschäftigungszahl von 46.000 prozentual auf - Mitarbeitern nach Hersteller, Handwerksbereichen, Baubranche, Planungsingenieure und Dienstleister auf?
Manuel Maciejczyk – Geschäftsführung:
Der größte Teil der Arbeitsplätze liegt momentan im Bereich der Anlagenerrichtung, von Betonbauern bis zum Anlagenplaner und bis zum Elektriker, also bei allen am Bau beteiligten Fachleuten. Circa 3.000 bis 4.000 Beschäftigte sind derzeit in den Bereichen Reparatur, Wartung und Instandhaltung tätig. Besonders das Thema Instandhaltung der bestehenden Biogasanlagen wird weiter an Bedeutung zunehmen und auch neue Arbeitsplätze schaffen. Auch das Thema Repowering, das Ersetzen alter Anlagen durch neue Anlagen, beispielsweise mit höherem Wirkungsgrad, wird neue Arbeitsplätze in den Bereichen Engineering, Baubereich und Service schaffen. Unter dem Begriff Repowering fallen zum Beispiel Investitionen, die durch neue technische Auflagen vorgegeben werden oder auch die Errichtung und Integration von BHKW in bestehende Biogasanlagen, um den Wirkungsgrad und die Leistung der Anlagen weiter zu erhöhen.
Insgesamt schätzen wir für 2012 circa 10.000 bis 11.000 Mitarbeiter im Bereich des Anlagenbetriebs bei bestehenden Anlagen und dann natürlich noch ca. 4.000 bis 5.000 Beschäftigte im Bereich der Einsatzstoffbeschaffung, sprich Anbau von Biomasse als klassische landwirtschaftliche Tätigkeit. Im Bereich der Forschung und Öffentlichkeitsarbeit gibt es circa 2.500 Arbeitsplätze. Wenn wir dann noch die vielen indirekten Beschäftigungseffekte hinzu zählen, sind wir bei ca. 46.000 Beschäftigten in der deutschen Biogasbranche .
Redaktion „NEW-ENERGY-Jobs“:
Lassen Sie uns noch kurz auf das Thema Fachkräfte und evtl. Fachkräftemangel kommen – kann man in dieser Branche auch von einem Fachkräftemangel sprechen? Welche Qualifikationen brauchen in Zukunft die Spezialisten in der Biogasbranche?
Manuel Maciejczyk – Geschäftsführung:
In Zukunft werden besonders die Hersteller aber auch die Ingenieurbüros verstärkt Fach- und Führungskräfte suchen, die vor allen Dingen entsprechende Sprachkompetenz und Reisefreudigkeit mitbringen sollten. In der gesamten Branche stellen wir fest, dass eine zunehmende Spezialisierung notwendig sein wird und wir deshalb auch speziell ausgebildete Fachleute brauchen werden. Auch der Bedarf an hoch spezialisierten Juristen, die eine kompetente Rechtsberatung in speziellen Vertragsfragen und genehmigungsrechtlichen Themenkomplexen sowohl national als auch international abdecken können, wird weiter zunehmen.
Redaktion „NEW-ENERGY-Jobs“:
Brauchen wir für den Bereich Biogas auch in Zukunft spezielle Studiengänge an Fachhochschulen oder Universitäten?
Manuel Maciejczyk – Geschäftsführung:
Es gibt im Bereich der erneuerbaren Energien und auch der Biomasse relativ viele Studiengänge. Bedingt durch den Bologna Prozess ist die Anzahl der Studiengänge imBereich der Erneuerbare Energien und Biogas kaum noch überschaubar. Viele Hochschulen und Universitäten haben spezielle Studiengänge eingerichtet, die sich aber kaum mehr voneinander abgrenzen oder unterscheiden lassen.
Redaktion „NEW-ENERGY-Jobs“:
Welche Studiengänge brauchen wir in der Zukunft für den Bereich „New Energy“?
Manuel Maciejczyk – Geschäftsführung:
Mit der Energiewende und dem verstärkten Zubau von erneuerbarer Energie wird das Thema der Netzintegration und Systemintegration weiter an Bedeutung zunehmen. Wir brauchen hier verstärkt Experten, die sich sowohl im Bereich der konventionellen Energiewirtschaft (Strom- und Gasinfrastruktur) als auch mit den Besonderheiten der Erneuerbaren Energien auskennen.
Redaktion „New Energy-Jobs“:
In welchem Umfang wird auch das Thema „Energiespeicherung“ von Biogas die Branche beschäftigen?
Manuel Maciejczyk – Geschäftsführung:
Natürlich sind wir mit unseren Biogasanlagen in der Lage das Gas zu speichern und auch bedarfsgerecht in Strom umzuwandeln. Diesen Vorteil müssen wir auch im Zuge der „Energiewende“ weiter ausbauen. Damit können wir einen überaus wichtigen Beitrag leisten in Punkto Netzstabilität und Sicherstellung der Stromversorgung. Auch für diesen Bereich brauchen wir in Zukunft Experten, die diese Probleme gemeinsam mit den Betreibern und Herstellern lösen können.
Unsere Biogasbranche wird auch zukünftig eine sehr wichtige Rolle im zukünftigen Energiemix übernehmen und damit natürlich auch viele neue Berufsperspektiven und nationale sowie internationale Marktchancen aufzeigen.
Das Ingterview führte Manfred Lorenzen, Redaktion www.New-Energy.Jobs.de, Freising, Februar 2012.
Quelle: LMV-Consulting, Manfred Lorenzen



